Neuanfang
Durchs Staatsexamen gefallen: wie Sophie wieder aufstand
Im Brief stand nicht „bestanden“. Wochenlang versteckte sie sich vor ihrer Familie, ihrem Jahrgang und ihrem Handy. So fand sie wieder Boden unter den Füßen.
Anonym verfasstSophie, 24, Jurastudentin aus dem Münsterland4 Min. Lesezeit

Jede Geschichte verbindet Erfahrungen mehrerer Menschen.
Die Geschichte
Der Tag, an dem der Brief kam
Der Brief vom Prüfungsamt kam an einem Donnerstag. Sophie wohnte für die letzten Monate vor dem Examen wieder bei ihren Eltern im Münsterland. Sie nahm den Umschlag mit in ihr altes Kinderzimmer, während ihre Eltern im Wohnzimmer saßen und so taten, als würden sie nicht warten.
Sie las den ersten Satz dreimal. Dann las sie die Noten der einzelnen Klausuren. Dann las sie den ganzen Brief noch einmal von oben, Zeile für Zeile, als hätte sie beim ersten Mal etwas übersehen.
Im Gruppenchat ihres Jahrgangs ging es los: Glückwünsche, Sektflaschen, Fotos vom Anstoßen. Ihre Mutter klopfte leise. „Schatz?“ Sophie sagte, sie brauche einen Moment. Sie kam erst am nächsten Nachmittag wieder heraus.
Ihre Eltern hatten ihr das Repetitorium bezahlt, anderthalb Jahre lang, jeden Monat. Ihre Tante hatte der ganzen Verwandtschaft schon erzählt, dass Sophie bald die erste Juristin der Familie sei. Sophie dachte an all das gleichzeitig, immer wieder.
Was schwer war
Warum es so wehtut, durchs Examen zu fallen
Für viele hängt am Staatsexamen mehr als eine Note. Daran hängen Jahre im Studium, das Geld der Familie, die Hoffnungen der Verwandten und die Pläne, die alle um deine Zukunft herum gemacht haben.
Als Sophie durchfiel, hatte sie das Gefühl, alle enttäuscht zu haben. Sie schaltete den Gruppenchat stumm und postete nichts mehr. Wenn Verwandte zu Besuch kamen, blieb sie in ihrem Zimmer. Im Gottesdienst setzte sie sich nah an die Tür, damit sie gehen konnte, bevor jemand fragte.
Die Gedanken waren laut. Vielleicht bin ich einfach nicht für Jura gemacht. Vielleicht habe ich ihr Geld verschwendet. Vielleicht reden alle über mich. Nachts lag sie wach und rechnete aus, was das Repetitorium gekostet hatte.
Auch ihr Körper spürte es. Sie schlief lange, aß kaum etwas und war müde, obwohl sie nichts tat. Die Wochen vergingen, und ihre Skripte blieben im Karton neben der Tür.
Was geholfen hat
Was Sophie tat, nachdem sie durchs Examen gefallen war
Der erste Schritt kam von ihrem Vater. Eines Abends setzte er sich ans Fußende ihres Bettes und sagte: „Wir haben dir das Studium ermöglicht, weil wir dich lieb haben. Und daran hat sich nichts geändert.“ Sie weinte lange. Es war das erste Mal, dass sie es zuließ.
Der zweite war, einer Freundin die Wahrheit zu sagen. Sie schrieb Hannah, die im Jahr davor durchgefallen war und es im zweiten Versuch geschafft hatte: „Wie hast du das ausgehalten?“ Hannah rief sofort an und redete eine Stunde mit ihr. Jemanden sagen zu hören „Da war ich auch“, machte die Scham kleiner.
Dann sah sie sich die Prüfung ehrlich an. Sie beantragte Einsicht in ihre Klausuren und las die Anmerkungen der Prüfer. Sie sah, welche Fächer sie runtergezogen hatten. Aus dem riesigen, verschwommenen Versagen wurden zwei schwache Bereiche, an denen sie arbeiten konnte.
Bevor sie neu anfing, gab sie sich Zeit: zwei Wochen Pause, Schlaf und nachmittags Spaziergänge an der Ems. Dann machte sie sich einen kleinen Plan, drei Stunden Lernen am Tag, sonntags frei. Zweimal pro Woche lernte sie mit Hannah per Videoanruf.
Sie fing wieder an zu beten, diesmal ehrlich. An manchen Abenden war das ganze Gebet: „Herr, ich habe Angst, es noch einmal zu versuchen.“ Manchmal setzte sich ihre Mutter dazu und betete mit. Über ihren Schreibtisch klebte sie 2. Korinther 4,8-9.
Sophie schrieb die Klausuren im nächsten Durchgang noch einmal, und sie bestand. Am meisten erinnert sie sich an den Abend, an dem sie beschloss, neu anzufangen, bevor sie wusste, wie es ausgehen würde.
Probier das heute aus
Diese Woche: ein Schritt zum nächsten Versuch
- Sag einem Menschen, dem du vertraust, wie es dir mit dem Ergebnis wirklich geht.
- Ruh dich ein paar Tage ganz bewusst aus: schlafen, essen, rausgehen.
- Sieh dir deine Klausuren an und schreib die zwei Fächer auf, an denen du zuerst arbeiten willst.
- Mach dir einen Lernplan mit einem ganzen freien Tag pro Woche.
Ein Bibelvers für heute
Wir haben allenthalben Trübsal, aber wir ängsten uns nicht; uns ist bange, aber wir verzagen nicht; wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen; wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um;
2. Korinther 4,8-9
Für dich
Wenn du durchs Examen gefallen bist
Wenn im Brief nicht das stand, worauf du gehofft hast, gib dir Zeit, es zu fühlen. Enttäuschung, Scham und Trauer sind normal nach etwas, wofür du so hart gearbeitet hast. Bei den meisten werden sie mit der Zeit leiser.
Wenn du so weit bist, mach einen kleinen Schritt. Sag einem Menschen die Wahrheit. Sieh dir deine Klausuren an, damit du weißt, woran du arbeiten kannst. Mach dir einen Plan, der Platz für Pausen lässt. Viele schaffen es im zweiten Anlauf.
Wenn Wochen vergehen und du immer noch nicht schlafen, essen oder aus dem Bett kommen kannst, oder wenn du dich hoffnungslos fühlst, sprich mit einer Ärztin oder einem Psychotherapeuten. Das ist ein normaler nächster Schritt, und Hilfe wirkt.
Und wenn du heute irgendwo anfangen willst: HopeBegins ist kostenlos. Wähl aus, wie es dir geht, und du bekommst eine kleine Sache, die du heute ausprobieren kannst, Übungen zum Ruhigwerden, jemanden, der für dich betet, und kostenlose Nummern, bei denen dir jemand zuhört. Wenn du nicht weißt, wie es weitergeht, findest du unter Ich weiß nicht weiter ein paar kleine Schritte für Tage wie diese.
Heute nicht okay?
HopeBegins ist kostenlos. Wähl aus, wie es dir geht, und du bekommst eine kleine Sache, die du heute ausprobieren kannst, Übungen zur Beruhigung, jemanden, der für dich betet, und kostenlose Telefonhilfe in deinem Land.
Was andere fragen
Durchs Staatsexamen gefallen, was jetzt?
Gib dir Zeit, dich auszuruhen und die Enttäuschung zu fühlen, und erzähl es einem Menschen, dem du vertraust. Wenn du so weit bist, sieh dir deine Klausuren an, damit du weißt, woran du arbeiten kannst, und mach einen Plan mit freien Tagen. Lass dich beim Prüfungsamt oder in der Studienberatung zu deinem nächsten Versuch beraten. Viele bestehen im zweiten Anlauf.
Wie sage ich meinen Eltern, dass ich durchgefallen bin?
Sag ihnen, wie es dir geht, auch wenn es nur ein paar Sätze sind. Eltern sorgen sich oft mehr um dich als um das Ergebnis. Wenn es hilft, bitte einen Menschen, dabei zu sein, wenn du es den anderen erzählst.
Die Bibelzitate stammen aus der Lutherbibel (1912), gemeinfrei.
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