Neuanfang
Wie Matthias neu anfing, nachdem das Hochwasser alles genommen hatte
In einem Jahr verlor Matthias erst seine Teiche und dann seine Gesundheit. Der Neuanfang kam langsam, ein früher Morgen nach dem anderen.
Anonym verfasstMatthias, 45, Fischwirt im Chiemgau6 Min. Lesezeit

Jede Geschichte verbindet Erfahrungen mehrerer Menschen.
Die Geschichte
Das Jahr, in dem das Wasser kam
Zwanzig Jahre lang begann jeder Morgen für Matthias gleich. Um vier aufstehen, eine Tasse starker Kaffee, dann raus zu den Forellenteichen im Chiemgau, die er mit seinem Vater angelegt hatte. Es reichte, um zwei Kinder durch die Schule zu bringen und das Dach zu reparieren, wenn es durchregnete.
Dann kam im Juli das Unwetter. Der Bach stieg über Nacht und stieg weiter. Am Morgen standen die Dämme seiner Teiche unter Wasser, und die Fische waren weg, fortgespült mit allem anderen. Er stand in Gummistiefeln am Rand und sah auf braunes Wasser, wo vorher seine Arbeit gewesen war.
„Wir kriegen das wieder hin“, sagte er zu seiner Frau Claudia. Er meinte es ernst. Er lieh sich Geld, um die Dämme zu reparieren und neue Fische einzusetzen. Zwei Monate später fing er an zu husten und hörte nicht mehr auf. Der Arzt in der Kreisklinik sagte Lungenentzündung und dann: Ruhe. Sechs Wochen Ruhe, für einen Mann, der sich noch nie sechs Tage freigenommen hatte.
Im Dezember war das geliehene Geld aufgebraucht, die Teiche waren halb repariert, und Matthias saß nachmittags auf einem Stuhl am Küchenfenster und sah den Fischern nach, die mit ihren Booten zum See hinausfuhren.
Was schwer war
Warum ein Neuanfang nach einem großen Verlust unmöglich wirkt
Die Teiche zu verlieren, war schwer. Was danach kam, war schwerer. Matthias hatte immer gewusst, wer er war: der, der arbeitet, der, der für die Familie sorgt, der, den die anderen anrufen, wenn bei ihnen etwas zu reparieren ist. Am Küchenfenster wusste er nicht mehr, wer das war.
Auf die Nachrichten von seinen Freunden vom Stammtisch antwortete er nicht mehr. Seinen Sohn fuhr er wegen eines zerbrochenen Tellers an. Nachts lag er wach und rechnete wieder: die Schulden, der Führerschein des Sohnes, die Kosten für die Jungfische, die Monate bis zum ersten Abfischen. Wie er es auch rechnete, die Zahlen sagten ihm, dass er in einer Nacht zwanzig Jahre verloren hatte.
Claudia sah es. „Iss doch wenigstens was“, sagte sie und schob ihm einen Teller hin. Er aß ein bisschen und setzte sich wieder auf den Stuhl. Wenn sie fragte, woran er dachte, sagte er: „Nichts.“ In Wahrheit fühlte er sich wie ein Versager, und er wusste nicht, wie man so etwas laut ausspricht.
Für Matthias hieß Neuanfang, alles auf einmal zurückzubekommen: die Teiche, das Geld, seine Kraft, seinen Platz. Weil er das alles nicht schaffen konnte, tat er gar nichts davon.
Was geholfen hat
Was Matthias half, neu anzufangen, Schritt für Schritt
Die Wende kam durch seinen alten Freund Günter, einen Berufsfischer vom See, der eines Morgens mit Brezen vorbeikam und sich ungefragt auf den Stuhl daneben setzte. Sie redeten übers Wetter und den Dieselpreis. Dann sagte Günter: „Und du, wie geht’s dir wirklich?“ Und er wartete.
Matthias überraschte sich selbst. Er erzählte ihm von der Rechnerei in der Nacht, von der Scham, von dem Gefühl, seine Familie im Stich gelassen zu haben. Günter nickte. „So ging’s mir auch, als mein Bootshaus abgebrannt ist. Ein Jahr hat’s gedauert, bis ich wieder richtig auf dem Wasser war.“ Zum ersten Mal hatte Matthias das Gefühl, dass das, was er durchmachte, eine Form hatte, und ein Ende.
Günter bat ihn, ihm an ein paar Morgen in der Woche auf dem Boot zu helfen, Netze zu flicken und einzuholen. Viel Geld brachte das nicht. Aber es holte Matthias um vier Uhr morgens von seinem Stuhl und bei Sonnenaufgang hinaus aufs Wasser. Zum ersten Mal seit Monaten kam er mit der guten Art von Müdigkeit nach Hause.
Seine Mutter hatte früher beim Frühstück oft Klagelieder 3,22-23 zitiert, dass Gottes Erbarmen jeden Morgen neu ist. Draußen auf dem Wasser, im ersten Licht, verstand er endlich, warum sie die Stelle so geliebt hatte.
An einem Sonntagabend schrieben Claudia und er alles auf ein Blatt Papier: was sie schuldeten, was hereinkam, was warten konnte. Aufgeschrieben war es kleiner als die Version in seinem Kopf. Sie gingen zusammen zur Bank, baten um mehr Zeit für den Kredit und bekamen sie.
Was geholfen hat
Wie man das Leben neu anfängt, wenn nicht alles auf einmal geht
Matthias machte keinen großen Plan. Er machte eine kleine Liste, die Art Liste, die ein Mann versteht, der mit seinen Händen arbeitet. Diese Woche zehn Meter Damm befestigen. Dreimal morgens mit Günter rausfahren. Mit den Kindern frühstücken. Vor dem Schlafen beten, auch wenn es nur ein Satz ist.
In manchen Wochen schaffte er alles. In manchen nur eine Sache. Claudia brachte ihm bei, die eine Sache als Erfolg zu zählen.
Er ging auch wieder in seine Gemeinde, eine kleine Freikirche in der Kreisstadt. Nach dem Gottesdienst legte ihm der Pastor die Hand auf die Schulter und sagte: „Wir beten für dich.“ Am nächsten Samstag kamen ein paar Männer aus der Gemeinde und halfen, ein Stück vom Damm wieder aufzubauen.
Als die schlaflosen Nächte nicht nachließen, drängte Claudia ihn, wieder zum Hausarzt zu gehen, diesmal wegen der Sorgen und der gedrückten Stimmung. Der Arzt hörte zu, fragte nach seinem Schlaf und danach, wie viel er trank, und vermittelte ihn an eine Psychotherapeutin in der Kreisstadt. Matthias ging hin, um Claudia einen Gefallen zu tun. Er blieb dabei, weil es half.
Im nächsten Frühjahr war ein Teil der Teiche wieder besetzt. Es war weniger als vorher. Matthias sagt, es sei das Beste, was er je gebaut hat, weil er es zweimal gebaut hat.
Probier das heute aus
Diese Woche: fang mit zehn Metern an
- Schreib eine Sache auf, die du dieses Jahr verloren hast, und eine, die du noch hast.
- Such dir eine Aufgabe aus, die du diese Woche abschließen kannst, so klein, dass du sie wirklich erledigst.
- Sag einem Menschen, wie es dir wirklich geht. Eine Nachricht reicht.
- Zähl am Ende der Woche, was du geschafft hast, auch wenn es nur eine Sache war.
Ein Bibelvers für heute
Die Güte des HERRN ist's, daß wir nicht gar aus sind; seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.
Klagelieder 3,22-23
Für dich
Wenn auch du neu anfangen musst
Vielleicht sah dein Hochwasser anders aus: ein Geschäft, das schließen musste, eine Beziehung, die zu Ende ging, ein Jahr, das mehr genommen als gegeben hat. Ein Neuanfang kann sich anfühlen, als müsstest du erst alles wieder aufbauen, bevor es dir gut gehen darf.
Du kannst kleiner anfangen. Such dir eine Sache aus, die du diese Woche schaffen kannst, ungefähr so groß wie zehn Meter Damm. Sag einem Menschen die Wahrheit darüber, wie es dir geht. Schreib auf, was du schuldest und was du hast, damit es auf dem Papier steht und in deinem Kopf nicht weiter wächst.
Wenn die Schwere länger als zwei Wochen anhält oder du nicht mehr schlafen, essen oder deinen Tag schaffen kannst, sprich mit deiner Hausärztin, deinem Hausarzt oder einer Beratungsstelle. Das ist ein ganz normaler nächster Schritt, und er hat Matthias mehr geholfen, als er erwartet hatte.
Wenn du heute Hilfe für den Anfang willst: HopeBegins ist kostenlos. Wähl aus, wie es dir geht, und du bekommst eine kleine Sache für heute, Übungen zum Ruhigwerden, jemanden, der für dich betet, und kostenlose Nummern, unter denen du mit jemandem reden kannst. Wenn du das Gefühl hast, die Richtung verloren zu haben, ist Ich fühle mich verloren ein guter Anfang.
Heute nicht okay?
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Was andere fragen
Wie fange ich mein Leben nach einem großen Verlust neu an?
Fang kleiner an, als du denkst. Such dir eine Aufgabe für diese Woche aus, erzähl einem Menschen, dem du vertraust, wie es dir wirklich geht, und schreib deine Probleme auf, damit sie in deinem Kopf nicht weiterwachsen. Nach einem großen Verlust braucht der Wiederaufbau Zeit, oft mehr als ein Jahr.
Ist es normal, sich nach einem Verlust wie ein Versager zu fühlen?
Ja, so geht es vielen, besonders Menschen, die gewohnt sind, für andere zu sorgen. Wenn das Gefühl länger als zwei Wochen anhält oder dir Schlafen, Essen oder Arbeiten schwerfällt, sprich mit deiner Hausärztin, deinem Hausarzt oder einer Beratungsstelle.
Die Bibelzitate stammen aus der Lutherbibel (1912), gemeinfrei.
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